News-Bericht

Young Talents & Old Rockers: Friedrichroda hat mehr als die Mundharmonika erfunden

Wir haben nicht nur die Mundharmonika erfunden. Von Sandra Hüller über Max Langenhan bis zu einer ganzen Generation junger Talente: Diese Stadt bringt Menschen hervor, die etwas können. Die Frage ist nur, ob wir sie fördern, solange es zählt — oder erst bewundern, wenn sie längst woanders sind. Eine Bestandsaufnahme, ein Vergleich und ein Aufruf.

1805
Buschmann: hier geboren
Erfinder der Mundharmonika
2024
Hüller: Oscar-Nominierung
Schulzeit in Friedrichroda
2026
Langenhan: Olympiagold
Ernstroda / BRC 05
120.000+
Reichweite junger Creator
aus Friedrichroda, Stand Juli 2026

Wir haben nicht nur die Mundharmonika erfunden. Aber fangen wir trotzdem damit an, denn es sagt viel über diese Stadt. Christian Friedrich Ludwig Buschmann, geboren am 17. Juni 1805 in Friedrichroda, gilt als Erfinder der Mund- und Handharmonika — eines Instruments, das die Welt eroberte. Friedrichroda ehrt ihn bis heute: mit dem Buschmann-Brunnen „Der Junge mit der Mundharmonika" und einer Grundschule, die seinen Namen trägt.

Das ist schön. Und es ist bezeichnend. Denn einen Brunnen und einen Schulnamen bekommt bei uns, wer vor über zweihundert Jahren etwas Großes geschaffen hat. Die Frage, um die es in diesem Text geht, ist eine andere: Was tun wir für die Talente, die heute hier heranwachsen — bevor sie berühmt sind, und bevor sie gehen?

Was bei Sandra Hüller nicht so gut lief

Sandra Hüller (Jahrgang 1978) ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen der Welt, 2024 war sie für den Oscar nominiert. Und sie ist in Friedrichroda zur Schule gegangen: Abitur 1996 am Körnberggymnasium, erste Schritte auf einer Bühne in einem Jugendtheater hier vor Ort. Von dort ging es an die renommierte Schauspielschule „Ernst Busch" und schließlich bis nach Cannes und Hollywood.

Nur: Wer in Friedrichroda nach dieser Geschichte sucht, findet wenig. Keinen sichtbaren Ort, der stolz erzählt, dass hier eine Weltschauspielerin ihre ersten Schritte gemacht hat. Man kann darüber streiten, ob das ein Versäumnis ist. Aber die Frage drängt sich auf: Warum feiern wir ein Talent erst, wenn die Welt es längst gefeiert hat — und nicht damals, als ein bisschen Rückenwind aus der Heimat wirklich etwas bedeutet hätte? Für uns liegt hier ein kleines Eigentor: ein großes Talent, hier gewachsen, und die Stadt hat wenig daraus gemacht.

Was wir bei Max Langenhan richtig machen

Bei Max Langenhan läuft es anders. Geboren 1999, aufgewachsen im Ortsteil Ernstroda, betont er seine Herkunft selbst dann, wenn andere nur „Friedrichroda" sagen würden. Sein Heimatverein ist der BRC 05 Friedrichroda, trainiert wird in Oberhof. 2026 wurde er Olympiasieger im Rennrodeln, dazu kommen mehrere Weltmeistertitel.

Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Kette, die früh greift: ein Verein vor Ort, der Kinder auf den Schlitten setzt, ein Landesstützpunkt, der Talente systematisch sichtet, und ein regionaler Stolz, der aus einem Jungen aus Ernstroda einen Botschafter der ganzen Region macht. Hier wurde Talent nicht bewundert, nachdem es sich durchgesetzt hatte. Es wurde begleitet, bevor es jemand kannte. Übrigens ist Friedrichroda eine echte Wintersport-Schmiede: Von Anna-Maria Müller (Jahrgang 1949) bis Norbert Loch (Jahrgang 1962), dem langjährigen Bundestrainer, hat dieser kleine Ort eine ganze Reihe Weltklasse-Rodler hervorgebracht.

Und es geht nicht nur bergab auf Kufen: Philipp Klewin, am 30. September 1993 in Friedrichroda geboren, hat es als Torwart in den Profifußball geschafft. Nach seiner Zeit bei Rot-Weiß Erfurt spielte er für Arminia Bielefeld, den FC Erzgebirge Aue und den VfB Lübeck; seit 2024 steht er beim Drittligisten Hansa Rostock im Tor. Ein Friedrichrodaer Junge, der Woche für Woche vor Tausenden Zuschauern zwischen den Pfosten steht.

Wie wir es besser machen könnten

Sport und Kunst lassen sich nicht eins zu eins vergleichen. Trotzdem bleibt ein Muster: Wo es Vereine, Bühnen, Lehrerinnen und Menschen gibt, die ein Talent früh sehen und tragen, entsteht etwas, das mit der Heimat verbunden bleibt. Wo dieses Netz fehlt, geht das Talent seinen Weg trotzdem — nur eben woanders.

Besser machen hieße: hinsehen, bevor jemand groß ist. Dem Nachwuchs echte Bühnen geben, etwa im Kurpark und bei den Sommerkonzerten. Die Vereine und die Schulen als das behandeln, was sie sind — die erste Förderstufe. Und Menschen wie Betriebe, die von hier kommen, halten, statt sie ziehen zu lassen. In einem Satz: fördern vor dem Durchbruch, nicht bewundern nach der Tat.

Young Talents: die Generation, die gerade wächst

Und es gibt sie, diese Talente, mitten unter uns. In der Musik steht ANTIAGE (gegründet 2019) für den größten Sprung: eine Band mit einem Sound zwischen Synthrock und Avantgarde, die Sonic Seducers „Battle of the Bands" gewonnen hat. Fairerweise gesagt: Die Quellen nennen dafür unterschiedliche Jahre — das Szene-Magazin führt den Siegertitel „No Sacrifice" für 2022, die Streamingdienste datieren den Erfolg auf 2023. Belegt und unstrittig ist der Weg danach: 2023 erschien das Debütalbum, es folgten Auftritte auf Großfestivals wie dem M'era Luna, und die Songs zählen auf den Streaming-Plattformen längst sechsstellige Abrufzahlen.

Im Netz wächst eine ganze Riege von Friedrichrodaer Creatorn heran. Mary & Piwo (Instagram _marypiwo_) begeistern mit Katzenalltag und Spielideen ein Publikum von zusammen rund 76.000 Menschen auf Instagram und TikTok — mit so viel Reichweite, dass daraus echte Markenkooperationen geworden sind, etwa mit Pets Deli und Anifit. Fräulein Öko (Instagram fraeulein.oeko) erreicht mit Nachhaltigkeit, Reisen und Faktenchecks über 40.000 Follower und betreibt dazu YouTube, einen Blog und einen eigenen Shop — eine Haltung, die zu unserer eigenen Linie passt. Und Vanessa Göcking, Jahrgang 1993, hat sich als Autorin und Podcasterin einen Namen gemacht: mit ihrem eigenen VANI Verlag und dem Podcast „Glücklichsein".
## Old Rockers: die, die den Ort seit Jahren tragen

Talent ist nicht nur jung. Old Rockers im besten Sinne sind die Namen, die den Ruf des Ortes über Jahrzehnte geprägt haben, von der Schauspielerin Sylvia Leifheit (Jahrgang 1975) bis zum Liedermacher Maik Göpel (Jahrgang 1963).

Erwähnt sei auch die Infrastruktur, die Talente erst möglich macht — etwa das Tonstudio Xadis Studio von Heiko Merrbach in Friedrichroda (August-Eckardt-Straße), eine Anlaufstelle für alle, die hier Musik aufnehmen und produzieren wollen.

Die Bühnen und Förderer, die das möglich machen

Talent braucht Orte, an denen es sich zeigen darf — und Menschen, die es ausbilden. Beides hat Friedrichroda. Das Thüringer KloßTheater in der Hauptstraße 4 ist eine feste Bühne für Kabarett und Comedy, vom „Männerschnupfen" bis zur Leipziger Pfeffermühle, und öffnet mit seinem KinderTheater sogar den Jüngsten die Bretter, die die Welt bedeuten. Im Sommer, wenn das KloßTheater Pause macht, übernimmt das Brauhaus Friedrichroda: Seine Biergartenkonzerte ziehen sich durch die ganze warme Jahreszeit und geben Bands und Musikern — jungen wie gestandenen — eine Bühne unter freiem Himmel.

Im Ortsteil Finsterbergen hält die Heimatkapelle Finsterbergen die Blasmusik-Tradition lebendig, mit Frühkonzerten im Kurpark Hüllrod und einem eigenen Musikfest — ein Ort, an dem musikalischer Nachwuchs zusammenfindet. Und wer ganz vorn anfangen will, findet gleich zwei Anlaufstellen für die musikalische Ausbildung: die Musikschule Fröhlich von Cordula Bischof, die im Ortsteil Ernstroda unterrichtet und ihren Nachwuchs im eigenen Kinder- und Jugendorchester bis auf die Kurpark-Bühne führt, und die Musikschule Stephan Licht in der Hauptstraße, dessen Schülerinnen und Schüler ebenfalls regelmäßig im Kurpark auftreten. Beide bringen Kindern und Jugendlichen ihr Instrument bei — genau dort, wo Talent anfängt.

Dazu kommt in Finsterbergen die Sängervereinigung „Harmonie" von 1863 mit über anderthalb Jahrhunderten Chortradition — und, ganz im Sinne dieses Textes, der Oldie- und Jugendfanfarenzug Friedrichroda, der Alt und Jung im selben Klangkörper vereint und dem Nachwuchs von klein auf ein Instrument und eine Bühne gibt.

Eine Sache fällt dabei auf: Während Musik, Blasmusik und Chor in Friedrichroda fest verankert sind, führt das Vereinsverzeichnis der Stadt keine eigene Theater- oder Schauspielgruppe für den Nachwuchs mehr. Jenes Jugendtheater, aus dem einst Sandra Hüller kam, hat heute keinen sichtbaren Nachfolger. Genau hier läge eine Chance — die Bühne dafür, das KloßTheater, steht längst bereit.

Und für die bildende Kunst fördert der UNIT Kunstverein Künstlerinnen und Künstler aus der Region und gibt ihnen Raum zum Ausstellen und Ausprobieren. Dazu kommen der Kurpark, die Konzertbühne im Kurpark Hüllrod in Finsterbergen, die Marienglashöhle, die Vereine und die Schulen. Und im Sport formen die Vereine Talente von klein auf: der BRC 05 Friedrichroda, aus dem Max Langenhan kam, dazu der SV 05 Friedrichroda, der SV Eintracht Ernstroda, der Wintersportverein Friedrichroda, der Finsterberger Sportverein und der Friedrichrodaer Reit- und Fahrverein bringen Kinder in Bewegung und sind oft die allererste Talentstufe. Das Netz ist da — man muss es nur nutzen und pflegen.

Und dazu gehört die Stadt Friedrichroda selbst. Ihr Kur- und Tourismusamt füllt Kurpark und Bühnen Jahr für Jahr mit Veranstaltungen, die Stadt hält mit dem Kurpark und der Marienglashöhle die großen Auftrittsorte in öffentlicher Hand, sie hat den Eintritt in ihre Einrichtungen für Friedrichrodaer Kinder auf einen Euro gesenkt und gibt mit dem Jugendbeirat „Jugend für Friedrichroda" jungen Menschen eine Stimme im Stadtrat. Das ist eine gute Grundlage — und genau hier liegt die Chance: Aus ihr ließe sich eine echte, systematische Talentförderung machen, die früh ansetzt, statt erst zu applaudieren, wenn der Erfolg ohnehin da ist.

Und die, die gehen mussten

Das Muster „hier gewachsen, woanders groß" gilt nicht nur für Künstler. Die IT- und Software-Firma ambarics, deren Holding bis heute in Friedrichroda registriert ist, führt ihr operatives Geschäft inzwischen von Waltershausen aus. Das ist kein Vorwurf an die Unternehmer, die gute Gründe für ihre Entscheidungen haben. Aber es ist dieselbe Frage wie bei Sandra Hüller: Was müsste ein Ort bieten, damit Talent — ob Mensch oder Betrieb — bleibt oder wiederkommt?

Unsere Talente

Alle in diesem Text genannten Talente noch einmal auf einen Blick — alphabetisch und ohne Rangfolge. Schaut rein, folgt, teilt, bucht, kauft: Jede Geste hilft.

NameJahrgangBereichKanal
ambarics2011 (gegr.)Software & ConsultingInstagram
Anna-Maria Müller1949Rennrodeln (Olympiasiegerin 1972)
ANTIAGE2019 (gegr.)Musik (Synth Rock)Instagram, Spotify
Christian Friedrich Ludwig Buschmann1805Erfinder der Mund- und Handharmonika
Fräulein Öko (Svenja)1990Nachhaltigkeit, Reisen, FaktenchecksInstagram
Maik Göpel1963Liedermacher (lebt in Friedrichroda)Website
Mary & PiwoKatzen-ContentInstagram
Max Langenhan1999Rennrodeln (Olympiasieger 2026)Instagram, Website
Norbert Loch1962Rennrodeln (ehem. Bundestrainer)
Philipp Klewin1993Fußball (Torwart, Hansa Rostock)Instagram
Sandra Hüller1978Schauspiel (Oscar-Nominierung 2024)kein eigenes Social Media; Agentur
Sylvia Leifheit1975Schauspiel und ModerationInstagram
Vanessa Göcking1993Autorin und PodcasterinInstagram, Podcast
Xadis Studio (Heiko Merrbach)Tonstudio / MedienproduktionFacebook

Ihr kennt ein Talent aus Friedrichroda, das hier noch fehlt? Schreibt es uns — wir nehmen es auf: benjamin@lohrbach.net

Unsere Meinung: Stolz — und ein Auftrag

Wir sind stolz auf sie alle. Auf die, die es bis ganz nach oben geschafft haben, auf die Old Rockers, die den Ort seit Jahren mit Leben füllen, und ganz besonders auf die Young Talents, die gerade erst anfangen und noch jede Unterstützung gebrauchen können. Diese kleine Stadt am Rand des Thüringer Waldes hat der Welt die Mundharmonika geschenkt, eine Oscar-Kandidatin, einen Olympiasieger, Bands, Creator, Gründerinnen und Gründer. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist bemerkenswert.

Aber Stolz allein fördert niemanden. Ein Talent braucht Menschen, die zum Konzert gehen, die den Kanal abonnieren und teilen, die die Band buchen, die zu den Konzerten und Festen kommen und die einem jungen Menschen einfach mal sagen: Mach weiter, wir sehen dich. Deshalb unser Aufruf an ganz Friedrichroda, an Bürgerinnen und Bürger, an Vereine, Verwaltung und Wirtschaft: Fördert und supportet diese Talente — jetzt, hier, solange es zählt. Nicht erst, wenn die Welt es tut. Und wenn ihr ein Talent kennt, das wir hier noch nicht auf dem Schirm haben: Schreibt es uns. Wir wollen sie sichtbar machen, bevor sie berühmt sind.

Quellen

Buschmann als Erfinder der Mund- und Handharmonika, geboren 1805 in Friedrichroda: Deutsche Digitale Bibliothek und Wikipedia; Buschmann-Brunnen und Grundschule „Friedrich Buschmann" in Friedrichroda. Zu Sandra Hüller (Abitur 1996 Körnberggymnasium, Jugendtheater, Oscar-Nominierung 2024) und Max Langenhan (Ernstroda, BRC 05, Olympiasieger 2026): öffentliche Biografien und Regionalporträts. Zu den Talenten und Betrieben: die jeweils öffentlichen Auftritte und Profile (ANTIAGE, Mary & Piwo, Fräulein Öko, Vanessa Göcking, Xadis Studio, ambarics). Die in Friedrichroda geborenen Persönlichkeiten (u. a. Philipp Klewin, Sylvia Leifheit, Norbert Loch, Anna-Maria Müller, Vanessa Göcking) folgen dem Abschnitt „Persönlichkeiten" im Wikipedia-Artikel zu Friedrichroda und den jeweiligen Personenartikeln. Reichweitenzahlen sind Momentaufnahmen (Juli 2026). Der Friedrichroda-Bezug einzelner Creator und Betriebe beruht teils auf lokaler Kenntnis und ist vor einer Nennung im Einzelfall zu bestätigen; die genannten Personen und Marken treten öffentlich auf.

Fazit

Wir sind stolz auf sie alle — auf die Weltstars, die Old Rockers und die Young Talents, die gerade erst anfangen. Aber Stolz allein reicht nicht. Ein Talent braucht Menschen, die hingehen, teilen, buchen, kaufen, klicken und Mut machen. Deshalb unser Aufruf an ganz Friedrichroda: Fördert und supportet diese Talente — jetzt, hier, solange es etwas bewirkt. Nicht erst, wenn die Welt es tut.

Kurzfassung als Slides auf Instagram ansehen ↗

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