News-Bericht

IT im Thüringer Wald: Wie ambarics wuchs, und warum die Firma gehen musste

ambarics ist ein Software- und Beratungshaus, das 2011 in Friedrichroda angefangen hat und heute Kunden im ganzen deutschsprachigen Raum betreut. Im Sommer 2025 ist die Firma nach Waltershausen gezogen, aus Kapazitätsgründen. Wir haben mit Gründer Tobias Korch gesprochen: darüber, was ambarics macht, wie die Firma gewachsen ist, und warum in Friedrichroda kein Platz mehr war. Am Ende, klar getrennt, unsere Meinung dazu.

2011
Gegründet
in Friedrichroda, zunächst als Ein-Mann-Betrieb
myFactory
Ihr Fach
ERP für Lagerlogistik und Produktion
Zürich bis Schwerin
Kundenradius
im gesamten deutschsprachigen Raum, gewachsen über Netzwerk
2025
Umzug nach Waltershausen
aus Kapazitätsgründen, kein passender Büroraum am Ort

Wenn man an Friedrichroda denkt, denkt man an Wald, an Kur, an Tourismus. An Software denkt zunächst niemand. Dabei ist hier, mitten im Thüringer Wald, über anderthalb Jahrzehnte ein IT-Unternehmen gewachsen, das heute Kunden von Zürich bis Schwerin betreut. Die Firma heißt ambarics. Angefangen hat sie 2011 in Friedrichroda. Und seit dem Sommer 2025 sitzt sie nicht mehr hier, sondern in Waltershausen.

Wir haben mit dem Gründer Tobias Korch gesprochen. Über das, was seine Firma eigentlich macht, über den Weg vom Ein-Mann-Betrieb zu einem Team mit eigener Ausbildung, und über die Frage, die uns am meisten interessiert hat: Warum musste ambarics den Ort verlassen? Wir halten die Fakten zuerst fest und trennen am Ende, klar gekennzeichnet, unsere Meinung davon ab.

Was ambarics eigentlich macht

Am einfachsten gesagt: ambarics sorgt dafür, dass in anderen Unternehmen die Abläufe zusammenpassen. Kern ist ein sogenanntes ERP-System, die Software myFactory. Man kann sich das als das digitale Rückgrat einer Firma vorstellen, in dem alles zusammenläuft, was einen Betrieb ausmacht. Tobias Korch fasst die Kette schlicht zusammen: Auftrag, Lieferkette, Rechnung. Der Schwerpunkt von ambarics liegt dabei auf Lagerlogistik und Produktion. Rund um die Grundsoftware hat die Firma über die Jahre eigene Zusatzbausteine entwickelt, damit Dinge möglich werden, die vorher gefehlt haben.

Die Kunden sitzen längst nicht nur in Thüringen. ambarics betreut nach eigenen Angaben den kompletten deutschsprachigen Raum, von Zürich über Österreich bis hinauf nach Schwerin. Bemerkenswert ist, wie diese Kundschaft zustande kam. Nicht über laute IT-Werbung, sondern über ein Partnernetzwerk und über Mundpropaganda. „In der IT denkt man immer, alles geht mit dem Computer“, so der Tenor im Gespräch, aber ohne Netzwerke und persönliche Beziehungen kommt auch ein Softwarehaus nicht aus.

Angefangen 2011, ganz allein

2011 hat Tobias Korch die Firma allein gestartet. Den Namen hat er bewusst so gewählt, dass er nichts mit seinem eigenen Namen zu tun hat. Die Firma sollte für sich stehen, nicht für eine Person. Aus dem Ein-Mann-Betrieb ist über die Jahre ein Team geworden, aus dem ersten Büro wurden größere Räume, und aus einem lokalen Dienstleister ein Haus mit überregionaler Kundschaft. Belegt ist der Weg auch nach außen: 2016 wurde ambarics zertifizierter Partner der Software, mit der die Firma arbeitet, 2022 wurde aus dem Einzelunternehmen die heutige Gesellschaft.

Ausbildung als Prinzip

Ein Punkt, an dem sich ambarics von vielen unterscheidet, ist die Ausbildung. Die Firma bildet ihren Nachwuchs selbst aus, statt fertige Fachkräfte über Agenturen einzukaufen. Und sie tut das mit einer ungewöhnlich langen Perspektive. Nach der Rechnung von Tobias Korch steckt man rund drei Jahre in eine Person, in denen die Firma an ihr nichts verdient. Erst nach etwa zwei Jahren sei jemand halbwegs produktiv. Das ist eine Wette, die man am Anfang eingeht.

Warum Korch diese Wette trotzdem eingeht: Selbst ausgebildete Leute sind für ihn am Ende wertvoller, als jemanden von außen zu holen und ihm die eigenen Systeme erst umständlich erklären zu müssen. Er bildet also aus, um den eigenen Betrieb zu verstärken, nicht in erster Linie für die freie Wirtschaft. Dass am Ende nicht jeder bleibt, gehört dazu. Im nächsten Jahr will ambarics wieder ausbilden, in zwei Bereichen, ein duales Studium eingeschlossen.

Künstliche Intelligenz, die im Haus bleibt

KI ist bei ambarics kein Schlagwort, sondern ein Werkzeug mit einer klaren Bedingung: Die Daten bleiben im Haus. Die Firma hat ein eigenes Wissenssystem aufgebaut, „SAIBot“ genannt, kurz für Search-Artificial-Intelligence-Bot, das inzwischen knapp 5.000 Dokumente kennt und beim Einarbeiten neuer Mitarbeiter hilft. Man kann es fragen, es erklärt, es führt durch die eigenen Handbücher und Dokumentationen. Dieses System ist inzwischen so weit, dass es auch bei einem Partner in Euskirchen zum Einsatz kommt, dort für rund 30 Leute.

Entscheidend ist für Korch, wo dieses System läuft. „Es verlässt nichts das Haus“, sagt er. Kein Umweg über die großen amerikanischen Cloud-Anbieter, keine fremden KI-Dienste, die Sprachmodelle laufen auf der eigenen Infrastruktur. Souveränität über die eigenen Daten, im eigenen Land, das ist der Anspruch. Aus dieser Arbeit ist auch ein eigenes Produkt entstanden, eine Art digitaler Zwilling, mit dem sich Wissen und Abläufe abbilden lassen.

Team und Haltung

Fragt man Tobias Korch, worauf er beim Blick auf sein Team am meisten stolz ist, kommt keine Zahl, sondern ein Satz über den Umgang miteinander. „Ich bin stolz, dass wir hier offen miteinander umgehen können“, sagt er. Er versteht sich als Verfechter eines humanen Unternehmertums, in dem es nicht um Macht geht. Wer neu dazukommt, muss ins Team passen, das zählt für ihn mehr als der reine Lebenslauf.

Kurz erklärt: Humanes Unternehmertum

Humanes Unternehmertum stellt den Menschen in den Mittelpunkt des Wirtschaftens, die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso wie Kunden und das Umfeld. Statt allein auf Gewinn, Kontrolle und Hierarchie zu setzen, stehen Vertrauen, Respekt, Eigenverantwortung und ein fairer, offener Umgang im Vordergrund. Führung versteht sich dabei eher als Ermöglichen denn als Anordnen. Der Gegenentwurf ist das klassische, streng von oben gesteuerte Patriarchat, in dem alle Entscheidungen an der Spitze fallen und Macht das bestimmende Prinzip ist.

Auch beim Thema Fachkräfte gibt es eine Beobachtung, die Mut macht. Jahrelang war es schwer, in Thüringen überhaupt Bewerbungen zu bekommen. Das habe sich gedreht, sagt Korch. In diesem Jahr kämen wieder deutlich mehr Bewerbungen, auch Initiativbewerbungen. Der Markt bewege sich zurück in Richtung eines gesunden Niveaus.

Warum der Umzug nach Waltershausen

Und damit zu der Frage, die uns am meisten beschäftigt hat. ambarics ist nicht aus einer Laune weggezogen, sondern aus Kapazitätsgründen. Die Firma ist gewachsen und brauchte mehr Platz. Das Problem: In Friedrichroda gab es diesen Platz nicht mehr. ambarics hatte am Ende bereits die größte Bürofläche belegt, die im Ort verfügbar war. Wer weiter wachsen will, aber keine passenden Räume findet, hat irgendwann keine Wahl mehr.

Wir haben nachgefragt, ob es ein „Wir wollten weg“ oder ein „Wir mussten weg“ war. Die Antwort war eindeutig: Es war ein Müssen, aus Kapazitätsgründen. Dass eine Stadt wie Friedrichroda solche Büroflächen nicht ohne Weiteres bereitstellen kann, ist dabei kein Geheimnis und kein Vorwurf an einzelne Personen. Es ist einfach der Zustand. 2025 ist ambarics deshalb nach Waltershausen gezogen, an einen Standort, der der gewachsenen Firma den Raum gibt, den sie brauchte. Die eigene Veranstaltungsreihe, die Thüringer Consulting Days, hat die Firma am neuen Standort in den eigenen Räumen ausgerichtet.

Ausblick

ambarics zum Weiterschauen: Thüringer Consulting Days, die eigene Veranstaltungsreihe der Firma · @ambarics_sc auf Instagram, Einblicke ins Team, in Events und in die Consulting Days · ambarics.com/veranstaltungen für Termine und Rückblicke.

Nach vorn schaut Tobias Korch selbstbewusst. In fünf Jahren, sagt er, hoffe er, „dass wir dann mindestens doppelt so groß sind wie jetzt“. Und, das ist ihm wichtig, dass die Firma dann immer noch in der Region sitzt. Aus einem Software-Ein-Mann-Betrieb im Thüringer Wald ist ein Arbeitgeber geworden, der ausbildet, der KI im eigenen Haus betreibt und der weiterwachsen will. Nur eben ein paar Kilometer weiter, als es hätte sein müssen.

Kommentar: Digitale Arbeitsplätze gehören in den Fokus

Klar getrennt von den Fakten oben. Das ist die Meinung der Redaktion.

Die Geschichte von ambarics ist eine Erfolgsgeschichte aus dem Thüringer Wald. Und sie hat ein Nachspiel, das uns als Stadt zu denken geben sollte. Denn ein Unternehmen, das hier gegründet wurde, hier gewachsen ist, hier ausgebildet hat und hier Steuern gezahlt hat, ist weitergezogen, weil am Ort schlicht der Platz fehlte. Nicht die Glasfaser hat gefehlt, nicht die Kinderbetreuung, nicht die Ärzte, nicht die Lage. All das hat Friedrichroda. Gefehlt hat der passende Raum, um digitale Arbeit wachsen zu lassen.

Friedrichroda versteht sich zu Recht als heilklimatischer Luftkurort, und niemand will hier schwere Industrie. Aber zwischen Industrie und Gastronomie liegt ein großes Feld, das bislang kaum vorkommt: echte Arbeitsplätze im Ort, für Menschen, die nicht in Hotel oder Küche arbeiten wollen, sondern als Entwicklerin, als IT-Fachmann, als Handwerker. Digitale Arbeit braucht keine Lkw und keinen Lärm. Sie braucht ein Dach, eine Leitung und ein paar Parkplätze. Genau das ließe sich schaffen.

Aus unserer Sicht sollte die Stadt digitale Arbeitsplätze deshalb bewusst in den Fokus rücken. Es gibt ein ausgezeichnetes Gewerbegebiet mit der nötigen Infrastruktur. Eine Kommune, die dort Flächen entwickelt oder sogar selbst Büroraum schafft, um wachsende Digitalfirmen zu halten und anzuziehen, gestaltet ihre eigene Zukunft mit, statt zuzusehen, wie sie in den Nachbarort abwandert. Und sie hat, anders als ein einzelner Investor, die Hebel dafür in der Hand.

Der zweite Punkt kostet gar nichts: zuhören. Im Ort sitzt Wissen über IT, das bisher weder gefragt noch genutzt wird. Wer bei den Themen der Zukunft die eigenen Fachleute nicht einmal an den Tisch holt, verschenkt genau die Ressource, die andernorts teuer eingekauft wird. Der Fall ambarics zeigt beides zugleich: was hier möglich ist, und was verloren geht, wenn wir uns nicht darum kümmern. Wir sollten anfangen, uns darum zu kümmern.

Fazit

Friedrichroda hat Glasfaser, Kitas, Ärzte und die Lage. Was gefehlt hat, war Platz für digitale Arbeit. Eine gewachsene IT-Firma ist deshalb in den Nachbarort gezogen. Wenn wir als Stadt Zukunft wollen, sollten digitale Arbeitsplätze in den Fokus rücken, nicht als Nebensache neben dem Tourismus. (Meinung der Redaktion, klar getrennt von den Fakten.)

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