News-Bericht

Sparen, investieren oder nur ausgeben?

Der Haushalt steht seit Jahren unter Druck, die Kreisumlage steigt, die Rücklagen schrumpfen. Wir haben das Ratsinformationssystem über die letzten Jahre durchsucht und gefragt: Spart die Stadt, investiert sie in die Zukunft, oder wird nur ausgegeben? Und interessiert sich Stadtrat oder Verwaltung überhaupt dafür, wo das Geld herkommt? Fakten zuerst, Meinung am Ende getrennt.

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Sparprogramme
kein Haushaltssicherungskonzept, keine Konsolidierung, kein Stellenabbau
−35.000 €
Schloss-Verlust 2025
2026 nur +2.200 € geplant, die schwarze Null ist weit weg
3,19 Mio €
Kreisumlage 2026
steigend von 2,61 Mio (2024) auf 2,93 (2025)
3.450 €
freie Spitze 2026
kein Spielraum, Ausgleich über Rücklagen

Die Finanzlage Friedrichrodas ist seit Jahren angespannt. Der Haushalt trägt sich nicht aus eigener Kraft, die Kreisumlage steigt, die Rücklagen schrumpfen. Die eigentliche Frage: Was tut die Stadt dagegen? Spart sie, investiert sie in die Zukunft, oder wird einfach ausgegeben? Wir haben das Ratsinformationssystem und die Haushaltsunterlagen der vergangenen Jahre ausgewertet. Erst die Fakten, am Ende getrennt unsere Meinung.

Die Zahlen

Die Jahresrechnung 2024 schließt im laufenden Betrieb mit einem Fehlbetrag von rund 312.000 Euro. Die gesetzliche Mindestzuführung zur Kredittilgung war um gut 93.000 Euro unterschritten.

Ausgeglichen wurde nur über Rücklagen: 1,42 Millionen Euro Entnahme plus 989.700 Euro aus aufgelösten Sonderrücklagen. Der Kassenbestand sank um rund 1,5 Millionen.

2025 lag die freie Spitze bei minus 152.400 Euro, 2026 bei mageren 3.450 Euro, eine Punktlandung statt Spielraum. Gleichzeitig wächst die Kreisumlage an den Landkreis Gotha stetig: 2,61 Millionen (2024), 2,93 Millionen (2025), 3,19 Millionen (2026). Über eine halbe Million mehr in zwei Jahren.

Die Kreisumlage kann die Stadt dabei am wenigsten beeinflussen. Ein Landkreis erhebt keine eigenen Steuern, sondern zieht von seinen Gemeinden einen Prozentsatz ihrer Steuerkraft und Schlüsselzuweisungen ein, Höhe und Zweck bestimmt der Kreistag. Getrieben wird der Betrag von den Sozialausgaben des Kreises, Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Schülerbeförderung, Kosten, die bundesweit seit Jahren steigen. Der Kostentreiber sitzt also im Landratsamt, nicht im Rathaus.

Von der anderen Seite kürzt zugleich das Land: Der Sonderlastenausgleich für Kurorte wurde 2024 neu verteilt, Friedrichroda hatte dabei nach eigener Darstellung den größten Nachteil, ein Minus von 273.244 Euro (§ 22b ThürFAG). Steigende Umlage, sinkende Kur-Mittel, das ist die Zange.

Unbequem daran: Dieser Druck war absehbar, die Stadt hätte sich mit eigenen Einnahmen darauf vorbereiten können. Das ist nicht erkennbar.

Gespart wird nicht

Die naheliegende Antwort wäre ein Sparprogramm, ein Haushaltssicherungskonzept oder eine Konsolidierung. Davon findet sich nichts. Die Volltextsuche im Ratsinformationssystem liefert für „Haushaltssicherung" und „Sparmaßnahme" null Treffer, „Konsolidierung" nur einen städtebaulichen Entwurf ohne Haushaltsbezug, „Stellenabbau" ebenfalls null. „Kürzung" taucht nur beiläufig auf, nie als beschlossenes Paket.

Extra-Ausgaben am laufenden Band

Was der Stadtrat stattdessen beschließt: zusätzliche Ausgaben. Über- und außerplanmäßige Posten nach § 58 ThürKO ziehen sich durch fast jede Sitzung, allein in zwei Jahren unter anderem Straßensanierungen (Österfeld, Grüner Weg, Straßenbeleuchtung), Baumpflege, Löschwasserversorgung an der Marienglashöhle, Feuerwehrausrüstung, das Ehrendenkmal Schillerpark und die neue Website für 19.444,60 Euro. Dazu kam die außerplanmäßige Aufstockung des Pflegevertrags mit den Stadtbetrieben um rund 324.000 Euro, weil dessen Kalkulation laut Stadt „fehler- und mangelhaft" war. Vieles davon ist notwendig, Verkehrssicherung ist Pflicht. Aber es geht immer nach oben. In die andere Richtung ging bereits genehmigtes Fördergeld zurück, ungenutzt, etwa für die Besucherplattform Bromacker und die Kita „Waldwichtel" in Finsterbergen.

Investiert wird, aber nur in den Erhalt

Die Stadt investiert durchaus, solide finanziert über Land und Fördermittel statt Kredite. Nur fließt das Geld fast nur in Erhalt und Infrastruktur, Straßen, Brücken, Gebäude, zuletzt vor allem die Brücke Bachstraße und das Funktionsgebäude am Sportplatz. Das sichert Substanz, schafft aber keine neuen Einnahmen. Dazu kommt: Das eigene Investitionsprogramm wird chronisch nur zur Hälfte umgesetzt, 2024 waren es rund 49,5 Prozent des Vermögenshaushalts. Es wird mehr geplant als gebaut. Investitionen, die später Geld einbringen, sind die Ausnahme, in Ansätzen der Wohnmobilstellplatz (2023) und ein Nutzungskonzept für den Bahnhof Reinhardsbrunn (2026), richtige, aber kleine Schritte ohne roten Faden.

Beispiel Schloss Reinhardsbrunn

Das Schloss gehört dem Freistaat, die Stadt betreibt Schlosskapelle und inneren Park seit 2025 mit dem im Finanzausschuss formulierten Ziel „möglichst kostendeckend".

Die Rechnung 2026: 134.600 Euro Ausgaben gegen 136.800 Euro Einnahmen, ein Überschuss von 2.200 Euro auf dem Papier. Der setzt aber voraus, dass die Einnahmen vom Vorjahreswert 24.400 Euro fast versechsfachen, eine sehr optimistische Annahme.

Selbst dann wäre das Eröffnungsjahr-Minus von 35.000 Euro (2025: 24.400 Euro Einnahmen gegen 59.400 Euro Ausgaben) noch nicht ausgeglichen. Die Kapelle deckt ihre Kosten also bislang nicht. Vermietung bei voller Belegung bringt 500 Euro pro Veranstaltung, 2026 kommen 15.000 Euro weitere Investition dazu, davon 10.000 Euro Förderung.

Gleich nebenan: der historische Bahnhof Reinhardsbrunn, jahrelang leer, jetzt in Sicherung, dazu 2026 ein Nutzungskonzept in Auftrag. Gesamtkosten der Sicherung 1.592.300 Euro, davon 1.044.850 Euro Förderung, macht rund 547.450 Euro Eigenanteil, für 2026 nur 25.000 Euro eingeplant, der Rest verschoben auf 2027.

Beim Schloss deckt der Betrieb die eigenen Kosten nicht, beim Bahnhof steckt die Stadt einen halben Millionenbetrag in reine Sicherung, ohne dass beides bisher etwas erwirtschaftet.

Beispiel Begegnungsstätte WIR³

Die Begegnungsstätte in der Hauptstraße 32 soll „generationsübergreifend" sein, betrieben seit 15. September 2025 vom Internationalen Bund, zugleich Träger der Seniorenarbeit in Finsterbergen (Vertrag STR/VIII/2025/082). Die Stadt trägt 30 Prozent der Kosten, fürs Rumpfjahr 2025 waren das 18.053,28 Euro, ein volles Jahr liegt höher, Jahr für Jahr ein fünfstelliger Betrag. Selbst die Öffnungszeiten sind ungeklärt, mal Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr laut Vertrag, mal Montag bis Donnerstag laut Stadt, so oder so tagsüber unter der Woche, wenn junge Menschen in Schule oder Arbeit sind. Ein Haus für alle Generationen erreicht damit vor allem eine.

Wo bleibt die Einnahmeseite?

Wird nicht gespart und bringt das Investierte kaum etwas ein, bleibt nur ein Weg: mehr von denen nehmen, die ohnehin schon zahlen. Grund- und Gewerbesteuer wurden 2025 erhöht. Die Stadt legt dafür jedes Jahr einen Hebesatz fest, einen Vervielfältiger auf den amtlich berechneten Steuerbetrag. Der Hebesatz für die Grundsteuer B stieg auf 530 Prozentpunkte, für die Gewerbesteuer auf 420. Höherer Hebesatz heißt höhere Steuer, ganz unabhängig davon steigt aber auch der Kurbeitrag: Die Einnahmen aus Gebühren und Kurtaxe zusammen springen von 1,21 Millionen (2025) auf 1,70 Millionen (2026), davon ist für 2026 allein die Kurtaxe mit rund 1,01 Millionen Euro veranschlagt. Der Haushalt nennt den Grund selbst, die Erhöhung sei „unumgänglich, um das Ausgabenniveau der letzten Jahre halten zu können". Nicht um Neues aufzubauen, sondern um zu halten, was schon da ist. Ein Programm, das die Einnahmebasis verbreitert, mehr Betriebe, mehr Arbeitsplätze, mehr Gäste, ist dagegen kaum zu finden: „Büroflächen" und „Tourismuskonzept" liefern in der Volltextsuche über alle Jahre null Treffer. Genau das kostete die Stadt die Softwarefirma ambarics, die 2025 wegging, weil kein passender Büroraum bereitstand und das Gewerbegebiet keinen genehmigten Bauplan hatte, während die Stadt sich zugleich an einem Gewerbegebiet im Nachbarort beteiligt.

Kommentar: Ausgeben ist einfach, wirtschaften ist Arbeit

Der folgende Teil ist unsere Meinung, klar getrennt von den Fakten oben.

Das Bild insgesamt: Gespart wird nicht, investiert wird fast nur in den Erhalt, und selbst das nur zur Hälfte. Extra-Ausgaben werden laufend freigegeben, bewilligtes Fördergeld geht ungenutzt zurück. Die Lücke schließt die Stadt über Rücklagen und höhere Sätze für die eigenen Leute, nicht über neue Einnahmen. Das ist der wunde Punkt: Ein Gast, der mehr Kurtaxe zahlt, ist kein zusätzlicher Gast. Die Basis zu verbreitern kostet Mühe, einen Plan, eine Zuständigkeit. Höhere Sätze zu beschließen ist an einem Abend erledigt.

Wenn das Ziel beim Schloss ausgerechnet „kostendeckend" lautet, ist das für eine Stadt mit leerer Kasse keine Ambition, sondern eine Kapitulation, und selbst dieses kleine Ziel ist bislang nur ein Plan, kein Ergebnis. Dass die Kreisumlage steigt, war seit Jahren absehbar. Gegen die Umlage selbst kann die Stadt nichts tun, aber sie hätte ihre eigenen Einnahmen stärken können. Genau dieser Plan fehlt: Am Bahnhof Reinhardsbrunn fließt ein halber Millionenbetrag in Sicherung, aber ein saniertes Gebäude ist noch keine Einnahme. Die Begegnungsstätte kostet jährlich fünfstellig und erreicht mit ihren Öffnungszeiten vor allem eine Generation, während alle mitzahlen. Der Fall ambarics zeigt beide Seiten zugleich, ein Unternehmen mit Arbeitsplätzen und Steuerkraft ging, weil die Stadt ihm keinen Platz bot. Sparen und wachsen sind kein Widerspruch, sondern zwei Hälften eines Haushalts, der sich selbst trägt. Friedrichroda betreibt derzeit keins von beiden mit Nachdruck. Löcherstopfen ist kein Plan.

Kritik ohne Weg ist billig, deshalb der andere Blick zum Schluss. Friedrichroda hat Ärzte, Kitas, Schulen, vier Supermärkte, Glasfaser, Bus, Bahn und Waldbahn, dazu die Lage als Kurort im Thüringer Wald, ein Fundament, um das andere Orte sie beneiden würden. Fünf Wege, wie das genutzt werden könnte:

  • Raum für Arbeit: Wo Glasfaser liegt, lassen sich Büro- und Gewerbeflächen entwickeln, ein Gründerhaus, Coworking für Pendler nach Gotha oder Erfurt. Jeder bleibende Betrieb bringt Gewerbesteuer und Arbeitsplätze, also neues Geld.
  • Menschen herholen: Leerstände in der Hauptstraße zu Wohnungen für junge Familien entwickeln, mehr Einwohner heißt mehr Einkommensteueranteil und höhere Schlüsselzuweisungen.
  • Wahrzeichen wirtschaftlich denken: Schloss und Bahnhof brauchen ein Betreiber- und Vermarktungskonzept statt reiner Kostendeckung, notfalls über Erbbaurecht mit privaten Betreibern.
  • Tourismus, der mehr bringt statt mehr kostet: nicht die Kurtaxe für gleich viele Gäste erhöhen, sondern mehr Gäste gewinnen, über sichtbare digitale Kanäle und die Waldbahn als Erlebnis.
  • Ein Plan und eine Zuständigkeit: jemand, der für Standort und Einnahmen verantwortlich ist, Fachleute einbindet und Fördermittel tatsächlich abruft, statt sie zurückzugeben.

Nichts davon ist über Nacht gemacht oder umsonst. Aber es ist der Unterschied zwischen Geld, das nur ausgegeben wird, und Geld, das etwas zurückbringt. Friedrichroda muss es nur wollen und anfangen.

Quellen

Haushalt und Jahresabschluss

  • Niederschrift Stadtrat vom 28. August 2025 – Vorlage der Jahresrechnung 2024 an den Stadtrat; Quelle für den Fehlbetrag von rund 312.000 Euro im laufenden Betrieb, die um gut 93.000 Euro unterschrittene Mindestzuführung, die Rücklagenentnahme von 1,42 Millionen Euro zuzüglich 989.700 Euro aus aufgelösten Sonderrücklagen, den Rückgang des Kassenbestands um rund 1,5 Millionen Euro und die Ausschöpfung des Vermögenshaushalts von rund 49,5 Prozent
  • Niederschrift Stadtrat vom 27. November 2025 – Haushaltssatzung und Haushaltsplan 2026, Vorlage STR/VIII/2025/083, sowie Finanzplan 2025 bis 2029 mit Investitionsprogramm, Vorlage STR/VIII/2025/084; Quelle für die freie Spitze von 3.450 Euro (2025: −152.400 Euro), die Kreisumlage von 3,19 Millionen Euro, die Einnahmen und Ausgaben der Schlosskapelle (UA 86002, Haushaltsplan S. 71 f.) und die Investitionszahlen zu Schlosskapelle und Bahnhof Reinhardsbrunn im Finanzplan/Investitionsprogramm (dort UA 86002 und UA 61500, jeweils lfd. Nr. 361004)
  • Niederschrift Stadtrat vom 29. Januar 2026 – Feststellung und Entlastung der Jahresrechnungen 2021 bis 2023
  • Alle Sitzungen im Ratsinformationssystem der Stadt Friedrichroda – Grundlage der Beschlüsse über über- und außerplanmäßige Ausgaben der vergangenen zwei Jahre, der Finanz- und Investitionspläne und der Rückzahlung nicht abgerufener Fördermittel

Rechtsgrundlagen

Eigene Auswertung

  • Volltextsuche in unserem Ratsinfo-Dashboard über den gesamten verfügbaren Bestand des Ratsinformationssystems, durchgeführt am 18. August 2026, nach den Begriffen „Haushaltssicherung“, „Sparmaßnahme“, „Konsolidierung“, „Stellenabbau“, „Kürzung“ und „Einsparung“ – Grundlage der Aussage, dass es kein beschlossenes Sparprogramm gibt. Das Ratsinformationssystem reicht bis 2022 zurück, weiter nicht
  • Haushalt 2026: Wohin fließt das Geld? und Wohin gehen Ihre Steuern? – unsere früheren Auswertungen derselben Haushaltszahlen
  • Was Digitalisierung in Friedrichroda wert ist – Einordnung von Kurtaxe, Kurverwaltung und Schlosskapelle

Hinweis zur Belastbarkeit: Der Prüfbericht des Rechnungsprüfungsamts zur Jahresrechnung 2024 lag zum Redaktionsschluss noch nicht öffentlich vor; die Feststellung durch den Stadtrat steht aus. Unsere Zahlen stammen aus der dem Stadtrat vorgelegten Jahresrechnung, nicht aus einem abgeschlossenen Prüfverfahren. Der genannte Nachteil von 273.244 Euro beim Sonderlastenausgleich ist die Darstellung der Stadt, keine eigene Berechnung.

Fazit

Friedrichroda spart nicht, es investiert fast nur in den Erhalt und gibt laufend Extra-Ausgaben frei, während die Lücke über höhere Steuern und einen höheren Kurbeitrag gestopft wird. Ein Plan, wie strukturell neues Geld hereinkommt, ist nicht erkennbar. Wo das Geld herkommen soll, scheint niemanden ernsthaft zu beschäftigen. (Meinung der Redaktion, klar getrennt von den Fakten.)

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