Wie wir Besucherzahlen berechnen – nachgerechnet am Stadtfest
Für unseren Beitrag über die Veranstaltungsgäste haben wir geschätzt, wie viele Menschen im Jahr zu Friedrichrodas Festen kommen. Hier zeigen wir Schritt für Schritt, wie eine solche Zahl zustande kommt — am Beispiel des Stadtfests. Ein reines Rechenbeispiel: Es bewertet weder die Qualität des Festes noch seinen Veranstalter, sondern erklärt nur die Methode.
Bei einem Fest mit freiem Eintritt zählt niemand die Gäste – es gibt keine Tickets, keine Einlasskontrolle, keine amtliche Statistik. Übrig bleiben Schätzungen, und Schätzungen aus dem Umfeld eines Veranstalters fallen erfahrungsgemäß großzügig aus: Ein voller Marktplatz sieht subjektiv schnell nach „Zehntausenden" aus. Wer eine belastbare Größenordnung will, braucht deshalb ein Verfahren, das für jedes Fest gleich, überprüfbar und frei von Wunschdenken ist. Wie das funktioniert, machen wir hier an einem einzigen Fest vollständig transparent.
1. Warum ausgerechnet das Stadtfest?
Wir hätten jedes Innenstadtfest nehmen können – wir nehmen bewusst das Stadtfest, und zwar aus drei Gründen:
Es ist neutral. Das Stadtfest ist das zentrale, allgemeine Fest der Stadt. So ist unser Rechenbeispiel an keinen einzelnen privaten Betrieb und keinen einzelnen Verein gebunden – und liest sich nicht als Bewertung eines bestimmten Veranstalters. Genau das ist uns wichtig: Es geht hier um die Methode, nicht um die Frage, wer das schönere oder größere Fest macht.
Es zeigt mehr von der Rechnung. Das Stadtfest ist ein zweitägiges Fest. Dadurch kommt der „Tage-Faktor" ins Spiel – ein Baustein, der bei einem eintägigen Fest wie „Kürbisse glühen" gar nicht greift (Tage-Faktor 1). Am Stadtfest lässt sich die Formel also anschaulicher durchspielen.
Es ist ein Rechenbeispiel, keine Wertung. Ob ein Fest 3.000 oder 300 Besucher hat, sagt nichts über seinen Wert für die Stadt. Ein kleines, liebevoll gemachtes Fest kann für den Ort genauso wichtig sein wie ein großes. Die Zahl ist eine Größenordnung, kein Qualitätsurteil.
2. Die Formel
Jedes Fest wird nach einer einzigen Formel bewertet – mit denselben Regeln für alle:
Besucher = Fläche × Dichte × Umschlag × Tage-Faktor × Termine
Die fünf Bausteine bedeuten:
Fläche – die netto begehbare Fläche des Festorts in Quadratmetern, also ohne Stände, Bühnen und Sperrflächen. Dichte – wie voll es dort wird, in Personen pro Quadratmeter (siehe Tabelle). Umschlag – das Kommen und Gehen an einem Tag: Sind alle gleichzeitig da, ist er 1,0; tauscht sich das Publikum im Lauf des Tages einmal komplett aus, 2,0. Tage-Faktor – zusätzliche, frische Gäste an weiteren Tagen; er greift nur bei offenen Mehrtagesfesten. Termine – die Zahl der Abende einer wiederkehrenden Reihe (bei einem Einzelfest wie dem Stadtfest schlicht 1).
3. Wie voll ist „voll"? Die Dichte-Skala
Der wichtigste Baustein ist die Dichte. Sie stützt sich auf die Fruin-Skala, den anerkannten Fußgänger-Standard von John J. Fruin, der beschreibt, wie sich unterschiedliche Menschenmengen anfühlen:
| Dichte (Pers./m²) | Typische Situation |
|---|---|
| 0,10 – 0,20 | sehr locker – weit verteiltes, ruhiges Fest, viel freie Fläche |
| 0,25 – 0,30 | entspanntes Bummeln – typisches Stadt- oder Parkfest |
| 0,50 | belebt, Bewegung etwas erschwert |
| 1,00 | dicht gedrängt |
| 2,00 – 4,00 | Gedränge wie vor einer Konzertbühne |
Für das Stadtfest setzen wir bewusst einen zurückhaltenden Wert am unteren Rand dieser Skala an: einen locker gefüllten, entspannt bummelnden Stadtkern mit viel freier Fläche, kein Gedränge. Das hat einen Grund: Weil wir gleich beide Festtage zählen, halten wir die Dichte je Tag betont niedrig – so bleibt die Zwei-Tages-Summe vorsichtig und die Menge wird nicht doppelt großgerechnet. Lieber eine Zahl, die eher zu niedrig als zu hoch ist.
4. Das Stadtfest, Schritt für Schritt
Setzen wir die Werte ein. Die Innenstadt (Hauptstraße, Kirchplatz, Schillerplatz) bietet rund 10.700 m² netto begehbare Fläche. Wir rechnen mit einer sehr lockeren Dichte, ohne besonderen Umschlag – und weil das Stadtfest über zwei Tage läuft, an denen jeweils weitgehend frisches Publikum kommt, mit einem Tage-Faktor von 2.
Und woher kommt diese Fläche? Wir messen sie selbst – im frei zugänglichen Luftbild (OpenStreetMap bzw. Google Maps/Earth) mit dem eingebauten Flächen-Messwerkzeug. Dabei klicken wir nur die Bereiche ab, auf denen sich beim Fest tatsächlich Publikum bewegt: die Hauptstraße, den Kirchplatz und den Schillerplatz. Gebäude, Stände, Bühnen, Beete und abgesperrte Zonen zählen wir nicht mit – deshalb sprechen wir von der netto begehbaren Fläche. Die einzelnen Teilstücke addieren wir und runden bewusst ab; so kommen wir für die Innenstadt auf rund 10.700 m². Das kostet nichts und jeder kann es mit demselben Werkzeug Punkt für Punkt nachmessen.
| Schritt | Wert |
|---|---|
| Fläche (Innenstadt, netto begehbar) | 10.700 m² |
| × Dichte (sehr locker, entspanntes Bummeln) | × 0,14 /m² |
| = Menschen pro Tag (gleichzeitig unterwegs, gerundet) | ≈ 1.500 |
| × Umschlag (kein besonderes Kommen und Gehen) | × 1,0 |
| × Tage-Faktor (2 Tage, frisches Publikum) | × 2 |
| × Termine (Einzelfest, keine Reihe) | × 1 |
| = Besucher im Jahr | ≈ 3.000 |
Rund 1.500 Menschen pro Tag, an zwei Tagen mit jeweils frischem Publikum, ergeben in der Summe etwa 3.000 Gästekontakte. Mehr steckt nicht dahinter – kein Bauchgefühl, keine Eigenangabe, sondern eine nachvollziehbare Kette aus Fläche, Dichte und Tagen.
Und wenn das Fest nur einen Tag hätte? Dann fiele der Tage-Faktor weg (× 1 statt × 2), und dasselbe Fest käme rechnerisch auf rund 1.500 Gästekontakte. Genau dafür ist der Tage-Faktor da: Er unterscheidet ein eintägiges von einem mehrtägigen Fest, ohne dass wir für irgendein Fest eine Ausnahme machen. „Kürbisse glühen" etwa ist eintägig – dort rechnen wir mit Tage-Faktor 1.
5. Was die Zahl ist – und was nicht
Die rund 3.000 sind eine Schätzung, keine Zählung. Sie ist ein realistisches Mittel: Mit einer höheren Dichte käme man auf mehr, mit einer noch vorsichtigeren auf weniger. Wir haben bewusst zurückhaltend gerechnet, damit die Zahl eher belastbar als spektakulär ist. Und sie zählt Gästekontakte, nicht Köpfe – wer an beiden Tagen kommt, ist zweimal dabei.
Der Clou an dem Verfahren ist nicht die einzelne Zahl, sondern die Gleichbehandlung: Jedes Fest in Friedrichroda wird nach genau diesen Regeln gerechnet. Kein Fest wird bevorzugt, keines benachteiligt, keiner Person und keinem Verein zuliebe geschönt oder kleingerechnet. Das ist der Unterschied zu einem Zuruf „da waren bestimmt Tausende".
6. Nachrechnen ausdrücklich erwünscht
Weil jeder Schritt offenliegt, kann jeder die Rechnung prüfen – und wer bessere Ist-Zahlen für ein Fest hat, kann sie einsetzen. Sie kennen die tatsächliche Fläche, die reale Besucherzahl oder die genaue Zahl der Tage besser? Dann nennen Sie uns die Werte, und die Rechnung ergibt automatisch ein neues Ergebnis. Genau so soll transparenter Lokaljournalismus funktionieren: nicht „Glauben Sie uns", sondern „Rechnen Sie mit".
Quellen
- Personendichten nach John J. Fruin: Pedestrian Planning and Design (PDF) – der in der Verkehrsplanung anerkannte Fußgänger-Standard, Grundlage unserer Dichte-Skala
- Musterversammlungsstättenverordnung (MVStättVO) (PDF) – § 1 und die dort angesetzten Stehplatzflächen bei Veranstaltungen, Vergleichsmaßstab für unsere Flächenannahmen
- Ratsinformationssystem der Stadt Friedrichroda – amtlicher Veranstaltungskalender, Quelle für Zahl und Dauer der Feste
- Wie viele Gäste kommen wirklich zu unseren Festen? – der Beitrag, für den diese Methode entwickelt wurde
- Eigene Vor-Ort-Beobachtung und Flächenermittlung auf dem Marktplatz und in der Hauptstraße – Grundlage der eingesetzten Flächen- und Dichtewerte
Wichtig: Bei Festen mit freiem Eintritt gibt es keine Tickets, keine Einlasskontrolle und keine amtliche Statistik. Jede Zahl ist deshalb eine hergeleitete Größenordnung. Wir legen jeden Rechenschritt offen, damit sie überprüfbar ist.
Die Zahl ist eine Schätzung, keine Zählung, und sie zählt Gästekontakte, nicht Köpfe. Entscheidend ist nicht die einzelne Zahl, sondern die Gleichbehandlung: Jedes Fest wird nach genau denselben Regeln gerechnet. Wer bessere Ist-Zahlen hat, nennt sie uns — dann ergibt die Rechnung ein neues Ergebnis.